Der deutsche Arbeitsmarkt

9. September 2014 | By darek | Filed in: Allgemein.

Im folgenden Beitrag möchte ich mal aufzeigen, wie es wirklich um unseren Arbeitsmarkt bestellt ist, da dies ja ein thematischer Dauerbrenner ist. Gerade wenn es um Hartz4 und die besser Verdienenden geht, gibt es zahlreiche Konflikte. Es ist die Rede von „Sozialschmarotzern“ und das man sie gefälligst härter anpacken soll, damit sie nicht faul zu Hause rumsitzen. Unerträglich. Ich werde jetzt hier den Beweis antreten, dass wir es in Deutschland, wenn man es genauer betrachtet, statistisch mit ca. 13Millionen arbeitslosen Menschen zu tun hat. Also nicht nur 3Millionen, so wie es die offizielle Verlautbarung ist. Das wäre übrigens eine Arbeitslosenquote von knapp 30%!

 

Damit ich mit der Argumentation anfangen kann, schauen wir uns erstmal an, wie sich die Anzahl der Erwerbstätigen verhält. Dazu eine Statistik:

http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Arbeitsmarkt/Datensammlung/PDF-Dateien/abbIV6.pdf

Zum Stand 2012 haben wir in Deutschland 41,6Millionen Erwerbstätige, nach dem Inlandskonzept. Das Inlandskonzept bedeutet, dass deutsche Erwerbstätige, die ins Ausland pendeln zur Arbeit, und ausländische Erwerbstätige die nach Deutschland pendeln, rausgerechnet werden.

Als nächstes schauen wir uns an, welche Jahresleistung in Arbeitsstunden diese 41,6Millionen Erwerbstätigen erbracht haben.

Dies sehen wir in folgender Statistik in der ersten Tabelle:

http://www.vgrdl.de/Arbeitskreis_VGR/tbls/tab.asp?tbl=tab17

Da ich nur vollständige Daten bis 2012 habe, nehme ich aus dieser Tabelle auch den Wert von 2012 für die Gesamtarbeitsstunden. Dies wären dann 57,9733 Milliarden Arbeitsstunden in 2012.

Mit den jetzigen Daten, können wir sagen:

2012 haben 41,6Millionen Erwerbstätige 57,9733Milliarden Arbeitsstunden geleistet.

Pro Erwerbstätigen wären das 1393,6 Arbeitsstunden pro Jahr. In der zuletzt verlinkten Statistik finden wir diesen Wert in der vorletzten Tabelle für 2012. Dort sind 1393 angegeben.

Die Daten aus beiden Quellen sind also schon mal in sich schlüssig.

Als nächstes schauen wir uns an, wie die Arbeitslosenzahlen in den entsprechenden Zeiträumen waren.

Dazu gibt es folgende Statistik:

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/1223/umfrage/arbeitslosenzahl-in-deutschland-jahresdurchschnittswerte/

Aus den jetzigen Daten, können wir die Anzahl der erwerbsFÄHIGEN Menschen ermitteln. Dies ist einfach die Summe der Erwerbstätigen und der Erwerbslosen, also der Arbeitslosen.

Dies mache ich mal manuell, da ich leider auf die Schnelle keine entsprechende Grafik gefunden habe:

1991 waren dies 41,4 Millionen und 2012 44,5Millionen. Diese Zahl ändert sich im Laufe der Zeit durch folgende Umstände: Jugendliche treten in die Erwerbsfähigkeit ein, ältere Erwerbsfähige treten aus der Erwerbsfähigkeit aus. Hausfrauen und Hausmänner, fallen nicht unter erwerbsfähig, da sie keine Arbeit suchen.

 

Jetzt machen wir mal ein Gedankenspiel:

Wir definieren jetzt, was eine Arbeitsstelle hergeben muß, damit sie dazu führt, dass man keine staatlichen Leistungen beziehen muß. Dazu zählt zum Beispiel das „Aufstocken“, Wohngeld, Kinderzuschuss etc.

Da das Monatsbruttogehalt maßgeblich von der Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden abhängt, können wir sagen, dass eine Vollzeitarbeitsstelle genug Einkommen generiert. Der Stundenlohn selbst hat auch Auswirkungen darauf, macht sich aber nicht so stark bemerkbar wie die Gesamtstundenzahl.

Als Vollzeitstelle definiere ich eine Arbeit mit den „berühmten“ 38,5Stunden pro Woche. Diese nehmen wir mal 48 Wochen (52 Jahreswochen – 4Wochen Urlaub) und erhalten dann eine Jahresstundenleistung von 1.848 Stunden.

Heißt, wenn JEDER ErwerbsFÄHIGE eine Vollzeitstelle haben würde, dann würde eine Jahresstundenleistung im Jahr 2012 von 82,236 Milliarden vollbracht werden. Und jeder hätte ein Einkommen, bei dem er keine staatliche Hilfe in Anspruch nehmen müsste. (44,5Millionen x 1.848Jahresstunden)

Dagegen halten wir jetzt die real geleisteten Arbeitsstunden die 2012 vollbracht wurden: 57,9733 Milliarden.

Um also jedem erwerbsfähigen Menschen eine Vollzeitstelle bieten zu können, mit der er unabhängig vom Staat wäre, bräuchten wir 24,2627 Milliarden bezahlte Arbeitsstunden MEHR in unserer Wirtschaft.

Daher auch die Prämisse des Staates: Wirtschaftswachstum. Denn durch mehr Wirtschaft entstehen auch mehr bezahlte Arbeitsstunden. So jedenfalls die gängige Theorie.

Wenn wir uns das Arbeitsstundenvolumen anschauen von 2000 bis 2013, dann sehen wir, dass dieser Wert seit 14 Jahren zwischen ~55- ~58Milliarden Jahresstunden pendelt. Er verändert sich kaum, und eine Tendenz ist auch nicht abzusehen. Ich nehme für die Berechnung den Höchstwert von 58,07Milliarden Jahresarbeitsstunden.

 

Nun machen wir ein weiteres Gedankenspiel und tun mal so, als ob wir jetzt die Arbeitswelt verändern würden. Dazu verabschieden wir ein Gesetz, dass klar regelt, dass es nur Arbeitsstellen geben darf, die alleine für sich genommen, das Einkommen des Arbeitenden sichern ohne den Staat in Anspruch nehmen zu müssen. Das heißt nichts anderes als: Es sind nur noch Vollzeitstellen mit 38,5h/Woche erlaubt. (Zum Gehalt komme ich weiter unten)

Dieses Gesetz würde dazu führen, dass wir die Jahresstundenleistung von 58,07Milliarden Stunden, auf Vollzeitstellen runterrechnen. Da eine Vollzeitstelle 1.848 beträgt bei einer 38,5Stunden-Woche, können wir die Anzahl der möglichen Vollzeitstellen ermitteln: 58,07Milliarden geteilt durch 1.848 Jahresvollzeitstunden. Das Ergebnis lautet: Wir würden 31,42Millionen Vollzeitstellen haben.

Mit diesen 31,42Millionen Vollzeitstellen, können wir alle Arbeiten in Deutschland erledigen, um das jetzige Wohlstandsniveau zu erzeugen.

Diese 31,42Millionen Vollzeitstellen besetzen wir nun mit den erwerbsfähigen Menschen. 31,42Millionen Menschen hätten also eine Vollzeitstelle.

Die Gesamtzahl der Erwerbsfähigen beträgt aber 44,5Millionen (siehe oben). Von denen ziehen wir jetzt die neuen Vollzeitarbeiter ab und erhalten dann einen Rest von 13,08 Millionen erwerbsfähigen Menschen.

Diese 13,08 Millionen erwerbsfähigen Menschen brauchen wir nicht, um das Wohlstandsniveau in Deutschland zu erzeugen, welchen wir jetzt haben! Sie sind für die Wirtschaft, rein statistisch, überflüssig! Man könnte sie auch als erwerbslos oder arbeitslos bezeichnen.

!!! In Prozent ausgedrückt, wäre das eine Erwerbslosenquote von 29,4% im Jahre 2012!!!

 

Wenn so ein Vollzeitarbeitsstellengesetz also durchgesetzt werden würde, dann hätte wir ganz schnell einen Volksaufstand, da 29,4% der Erwerbsfähigen auf immer und ewig vom Staat abhängig wären. Das heißt, Hartz4 ein Leben lang und der ständige Drang, dass man sich doch bewerben soll um Arbeit zu finden. Ja wo denn? Es ist nicht möglich, da alle bezahlten Arbeitsstunden bereits vergeben sind.

Also geht der Staat einen anderen Weg. Erwerbstätig ist derjenige, der einen Erwerb hat. Auch wenn es nur ein 1-Euro-Job ist.

Als Staat muß ich also dafür sorgen, dass die erwerbslosen Menschen auch bezahlte Arbeitsstunden leisten können. Und diese können nur von den Vollzeitstellen geholt werden. Heißt: Mehr Teilzeit. Wenn sich 2 Erwerbstätige eine Arbeitsstelle teilen, dann haben beide einen Job, statt nur einer eine Vollzeitstelle. Das Problem dabei: Da das Einkommen abhängig von der Stundenzahl ist, reicht ein Teilzeitjob nicht aus, um ohne staatliche Hilfe klarzukommen.

 

Heißt also:

Der Staat hat das Ziel, jedem einen Job zu vermitteln.

Wenn ich nach der obigen Rechnung also 13,08Millionen Erwerbslosen eine Teilzeitstelle verschaffe, dann muss ich für 13,08 Millionen Erwerbstätige ihre Vollzeitstelle auf eine Teilzeitstelle zuzammenstreichen. Betroffen von dieser Maßnahme wären also insgesamt 26,16Millionen Erwerbsfähige. 

Der Unterschied zwischen vorher und nacher:

Vorher: 13,08Millionen Menschen sind VOLLabhängig von staatlichen Leistungen.

Nachher: 26,16Millionen Menschen sind TEILabhängig von staatlichen Leistungen.

Für den Staat sind beide Zustände schlecht, da er Geld ausgeben muß für die sozialen Leistungen. Der Zustand „Nacher“ ist aber schlechter als „Vorher“, da es verwaltungstechnisch deutlich aufwendiger ist, 26,16 Millionen Leistungsbezieher zu verwalten, als 13,08Millionen.

 

Fazit:

Das man Arbeitsplätze schaffen muß, ist absolut falsch! Es müssen mehr bezahlte Arbeitsstunden geschaffen werden. Und wenn ich mir das letzte Jahrzehnt anschaue, dann ist das utopisch. Wir würden hier davon sprechen, die bezahlten Arbeitsstunden um 41,9% zu erhöhen, damit alle Arbeit haben und genug Einkommen, um ohne den Staat auskommen zu müssen.

 

 

Das wars…


5 comments on “Der deutsche Arbeitsmarkt

  1. frthbr sagt:

    100%ige Zustimmung.
    Das beschriebene Problem wird noch verschärft, wenn man bedenkt, dass Deutschland de facto Arbeitslosigkeit exportiert.
    Man müsste dieselbe Rechnung also für die gesamt EU mit ca 250 Mill. Einwohnern machen.

  2. Hermann sagt:

    Da ihr hier ja Statistik-interessiert seit, möchte ich euch Joachim Jahnkes Website empfehlen:
    Informationsportal Globalisiserung
    „Rundbriefe“ sind auf der Website veröffentlichte Artikel, „Wochenbriefe“ gibts nach Anmeldung gratis per Mail, inkl. Link zum Archiv und und umfassenden Index.
    Wochenbriefabonnenten können von dort auch die Eurobriefe abonnieren, ebenso gratis.

    Die auf der Website verlinkte grafische Datenbank ist veraltet, bietet aber einen Einstieg in die älteren Teile der Website, erkennt man am Layout.

    Zum Artikel:
    Ich bin von der kurzfassung auf TP hierhergekommen.
    Die Kurzfassung hat den Vorteil, daß sie auch von Focus-Lesern verstanden wird 😉
    Den letzten habe ich vor 10 Jahren bei meinem Vater gelesen, Focus hatte eine Drei-Sätze-Kurzfassung des Artikels irgendwo vorne, und der länngere Artikel hörte dann auf, wenn es interessant wurde.

    Großes Lob für deinen Ansatz: Blick auf Arbeitsstunden, statt Arbeitsplätze.

    Die Langfassung hier werde ich mal durchackern, wegen der vielen Links.

    Dein Layout ist allerdings beschissen unergonomisch für Sehbehinderte.
    Sehfreundlich ist schwarze Schrift auf weißem Grund, nicht umgekehrt,
    Du verwendest hellgraue dünne Schrift auf dunkelgrauem Hintergrund.
    Selbst Dunkelgraue Schrift auf hellgrauem Grund erschwert mir das Lesen, weil da für mich zuwenig Kontrast ist.

    Für nen Behindertenausweis langt es bei mir nicht, ich habe 7 Dioptrien Kurzsichtigkeit auf beiden Augen, wegen grünem Star habe ich teilweise Schwierigkeiten mit kontrastarmen Schriften, bzw. kontrastreicher Umgebung auf Websites.
    Meine Augen brauchen Licht, schwarz tut (fast) körperlich weh.

    o.k. meine Lösung zu Deiner Website:
    Einfach im Browser CSS ausschalten
    (View -> Use Style -> none), und schon sieht sie für mich, auch in der gestaltung, bestens aus 😉

    Den Block vor „Jetzt machen wir mal ein Gedankenspiel:“ solltest du als Anhang an den Artikel bringen, unter „Herleitung der Zahlen“

    Dieser erste Teil ist langweilig, und wird gerade die Leute vom Weiterlesen abhalten, die Schwierigkeiten mit Zahlen haben.

    Würdest du sie gleich mit den Zahlen konfrontieren: xx Mio. Arbeitstunden pro Jahr sind 26 Stunden pro Kopf der erwerbsfähigen Bevölkerung wäre das Interesse am Artikel sofort geweckt, bzw. Leute die das nicht interessiert, könntest du auch nicht mit Begründungen überzeugen.

    Dein tp-Beitrag ist wirklich Welten interessanter als hier der Blogbeitrag, aber trotzdem danke, ich nehme mal an, daß das hier nicht der einzige lesenswerte Blog-Beitrag ist.

    Telepolis

    • darek sagt:

      Hallo Hermann,

      danke für die konstruktive Kritik.

      Design/Layout:
      Ja da hast du recht. Das Layout ist ein wenig schwieriger anzuschauen, als man es normalerweise gewohnt ist. Ich nehme die Kritik mal auf, und schaue ob ich evtl. ein anderes Design hernehme.

      Beitragsstrukturierung:
      Ich nehme die Vorschläge zur Kenntnis und überdenke sie. Danke.

      darek

  3. Hermann sagt:

    2 Links zum Thema Überstunden:

    global news 3163 09-09-14: Deutsche auch Überstundenmeister (halb unbezahlt)

    Der Bairische Rundfunk hat mittags 55 min Tagesgespräch zu einem Thema, im Studio ein Moderator und ein zugeschalteter Fachmann, und Leute, die ihre Meinung dazu sagen wollen, können gratis anrufen. Eine Zensur bzw. einseitige Vorauswahl scheint nicht stattzufinden. Die Gespräche werden auf der Website ca. 1 Jahr zum Download archiviert.

    Bayern 2 – Tagesgespräch

    Überstunden-Europameister: Warum arbeiten wir Deutsche so viel?
    Mod.: Stefan Parrisius; Gast: Dr. Johannes Schipp, Vorsitzender Arbeitsgemeinschaft Arbeitsrecht
    Überstunden – 09.09.2014

    • darek sagt:

      Ja, das Thema Überstunden, Export, unsinnige/unnütze Arbeit, Zusatzarbeit durch Wettbewerb etc, habe ich bereits auf dem Schirm.

      Ich werde mir die Tagesgespräche vom BR mal anhören. Danke für die Links.

      darek

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