Schwarmintelligenz und Schwarmdummheit

8. August 2014 | By darek | Filed in: Allgemein.

In den letzten Jahren ist immer wieder die Rede von Schwarmintelligenz und dass sie ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Aber immer wenn sie nicht funktioniert, versteht kaum jemand warum nicht. Dabei ist es so einfach. Denn zur Schwarmintelligenz gehört auch die Schwarmdummheit. Im folgenden Beitrag zeige ich auf, welche Regeln aus einer Schwarmentscheidung eine intelligente oder eine dumme Entscheidung machen.

Damit du als Leser erstmal weißt, was Schwarmintelligenz überhaupt bedeutet, zeige ich erstmal ein kleines Beispiel in Form eines Experimentes:

100 Bauern sind um einen Ochsen versammelt und bekommen eine Frage gestellt: „Wie schwer ist das Tier?“

Jeder Bauer schreibt seine Schätzung auf ein Stück Papier und gibt es in einen Sammelbehälter. Wenn alle fertig sind, wird aus allen Schätzungen der Durchschnittswert berechnet. Ergebnis: Dieser Durchschnittswert entspricht dem realen Gewicht des Ochsen.

Was ist passiert?

Keiner der Bauern gibt das richtige Ergebnis an. Der eine Bauer wird zu wenig aufschreiben, der nächste wird zu viel aufschreiben. Einige werden ganz weit daneben liegen. Jeder einzelne Bauer gibt den falschen Wert an, aber alle zusammen kommen dann auf das richtige Ergebnis.

Oder auch anders ausgedrückt:

Jedes Individuum im Schwarm liegt daneben, aber der ganze Schwarm zusammen liegt richtig. Das ist Schwarmintelligenz.

 

Dieses Intelligenzkonzept findet man, wie der Name bereits sagt, hauptsächlich bei Schwärmen. Das sind z.B. Vogelschwärme, wo jeder einzelne Vogel nur eine ungefähre Flugrichtung „angibt“, aber der ganze Schwarm einem sehr intelligentem Flugmuster folgt. Oder bei Ameisen, wo keine Ameise alleine den Weg kennt, aber alle Ameisen zusammen den kürzesten Weg herausfinden und ihn benutzen. Es gibt noch viele weitere Beispiele dafür. Entscheidend ist, dass das Konzept der Schwarmintelligenz immer in größeren Gruppen von Lebewesen auftritt.

Dementsprechend betrifft das auch die Menschen.

 

Schwarmdummheit liegt dann vor, wenn das Ergebnis des Schwarms nicht wirklich intelligent ist. Dazu nenne ich mal das berühmte Beispiel der Lemminge die sich allesamt in den Tod stürzen. Dazu aber mal eine Anmerkung: Lemminge tun das nicht wirklich; es wird ihnen nur zugeschrieben. 

Aber man kann Schwarmdummheit auch bei der Menschheit ausmachen. Wenn wir kollektiv unsere Umwelt zerstören, dann wars das mit den Menschen. Die Intelligenz der Spezies Mensch kommt in der Masse bei diesem Thema nicht zum Vorschein.

 

Aber was ist denn jetzt das Geheimnis dahinter? Welche Regeln legen dieser Intelligenz zugrunde? Wann kommt ein Schwarm zu einer intelligenten richtigen Lösung und wann zu einer dummen falschen Lösung?

Um das zu beantworten, brauchen wir uns nur noch mal das Experiment mit dem Ochsen und den 100 Bauern vornehmen und ändern es ein wenig ab. Wir ersetzen die 100 Bauern durch 100 Kinder und fragen die gleiche Frage: „Wie viel wiegt der Ochse?“. Das erste Kind wird sagen: „Der Ochse wiegt 10 Kilometer hoch!“, das zweite Kind wird sagen: „10 Kg sind es bestimmt“. Das dritte Kind wird sagen: „So viel wie 2 Ziegen“ und das vierte Kind wird sagen: „100Kg“ und so weiter. Wenn man diese Ergebnisse dann zu einem Mittelwert umrechnet, kommt als Ergebnis raus: „Der Ochse wiegt 5 Ziegenkilometer hoch“. (ihr könnt selbst nachrechnen, das stimmt ^^). Dieses Ergebnis ist natürlich Unsinn und kann als falsch und dumm definiert werden.

Es gibt also einen Unterschied zwischen Bauern und Kindern. Der Unterschied ist einfach: Die Bauern haben ein Gefühl für das Gewicht von Ochsen und die Kinder haben kein Gefühl für Gewichte.

Die nächste Frage lautet: Wo haben die Bauern dieses Gefühl her? Antwort: Durch jahrelanges Auseinandersetzen mit Ochsen. Bauern haben sich im Laufe der Zeit ein gefühltes Wissen angeeignet und sind unbewußt zu Experten geworden. Kinder sind keine Experten. Sie haben ja auch keine Erfahrung sammeln können.

Das gleiche Experiment können wir nochmal durchführen, und nehmen dafür statt der Kinder einfach Stadtmenschen. Das Ergebnis wird sehr stark von der Realität abweichen. Ist auch vorhersehbar, da die Stadtmenschen kein Gefühl für das Gewicht der Ochsen haben und keine Experten sind.

Damit haben wir eine Grundvorraussetzung für einen intelligenten Schwarm gefunden:

Wenn der Schwarm aus „Experten“ für die gestellte Aufgabe besteht, dann kommt ein intelligentes richtiges Ergebnis dabei raus. Wenn der Schwarm aus „Nicht-Experten“ für die gestellte Aufgabe besteht, dann kommt ein dummes falsches Ergebnis heraus.

Diese Aussagen prüfen wir noch mal gegen bei den Tierschwärmen. Ein Vogelschwarm, bei dem jeder einzelne Vogel ein Experte fürs Fliegen ist, kann eine intelligente Schwarmflugrichtung erzeugen. Ein Ameisenschwarm, bei dem jede einzelne Ameise ein Experte ist in der Interpretation und Abgabe von Duftstoffen, kann auch eine intelligente Wegfindung erzeugen.

 

Für den Menschen bedeutet das:

Besteht eine Gruppe von Menschen aus Experten, kommt eine intelligente Lösung heraus. Besteht sie dagegen aus Nicht-Experten, dann kommt eine dumme Lösung heraus.

 

Und nun kommen wir mal zum Alltag der Menschheit:

Demokratie und Wahlen

Eine Wahl, z.b. in Deutschland, ist eine Massenwahl an der ein paar Millionen Menschen teilnehmen dürfen. Das Wahlrecht ist eine gute Sache. (Jedenfalls theoretisch).

Wenn wir also mehrere Millionen Menschen haben, die Experten auf dem Gebiet der Politik sind, dann treffen diese Menschen auch eine intelligente Entscheidung. Das ist dann Schwarmintelligenz.

Wenn wir dagegen mehrere Millionen Menschen haben, die keine Experten in Sachen Politik sind, dann treffen diese Menschen eine dumme Entscheidung. Das ist dann Schwarmdummheit.

Die Experten und die Nicht-Experten kann man übrigens unterscheiden. Die Experten fragen ganz gezielt nach den Plänen des kommenden Politikers um daran dann eine Entscheidung zu fällen. Es werden auch Wahlprogramme gelesen und es wird nachgehakt.

Die Nicht-Experten erkennt man an Sätzen wie: „Die Politikerin ist mir sympatisch, deswegen wähle ich die.“

Randnotiz:

Ich wollte es eigentlich meinungsfrei machen, aber ich sehe in Deutschland ein Verhältnis von Experten zu Nicht-Experten von 10:90

Auf einen Experten kommen also neun-Nichtexperten. Das Ergebnis von Wahlen kann daher nur dumm sein. Ändern kann man es nur über eine Wahlberechtigung die jeder Bürger beanspruchen kann, der sich als Experte auf diesem Gebiet auskennt. Dieses Wahlberechtigungskonzept darf niemals in Staatshand liegen, sondern immer in Bürgerhand. Unwiderruflich. Das Alter ist dann auch völlig egal. Wenn sich ein 12-jähriger nachweislich wunderbar mit Politik auskennt und sie versteht, dann bekommt er seinen Wahlschein, und darf wählen gehen. Wer nicht nachweisen kann, dass er sich mit Politik auskennt, der hat bei Wahlen nichts verloren. Denn darunter leidet die ganze Gesellschaft.

 

Massenmedien

Medien gibt es eine ganze Menge. Wir reden hier von Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Blogs, sonstigen Webseiten und SocialMedia-Seiten, die medial aktiv sind. Wenn man genau hinschaut, ist das Wort Medium der Überbegriff für alle Objekte die Informationen abgeben. Da dies auch physikalisch relevant ist, verenge ich den Themenbereich auf das, was wir allgemein Massenmedien nennen.

Als Ergebnis von Medien kann die Nennung von Fakten und die Nennung von Meinungen genannt werden. Intelligente Meinungen treten dort auf, wo die Journalistengruppe aus Experten zu einem bestimmten Thema besteht. Dies kann z.B. ein Fachmagazin für Computertechnik sein, bei dem sich die Journalisten sehr gut mit Computern auskennen. Das kann aber auch ein Wissenschaftsmagazin sein, bei dem sich die Journalisten mit wissenschaftlichen Standards auskennen oder ein Politikmagazin, bei dem sich die Journalisten mit Politik auskennen.

Zusammengefasst: Verfassen Experten die verbreiteten Artikel, dann kommen intelligente Massenmedien heraus.

Anders sieht es aus, wenn die Redaktionen nur noch von Nicht-Experten in den entsprechenden Themengebieten besetzt sind. Wenn z.b. über bestimmte Politiker nur gut geschrieben wird, weil sie so sympathisch sind, aber politisch nur Mist bauen. Oder wenn Computerlaien eine Computerzeitschrift mit Inhalt füllen. Besteht die Journalistengruppe nur aus Nicht-Experten, dann kommen dumme Massenmedien dabei heraus.

Heutzutage ist dies ein massives Problem. Es wird immer mehr gespart in den Redaktionen und wenn 2 Praktikanten auch mal eben Artikel schreiben können und beide zusammen billiger sind als ein echter Experte, dann fliegt der Experte halt raus. Ergebnis ist ein deutliche Verminderung der Medienqualität.

Wenn ihr also das nächste Mal wieder einen Artikel lest den ihr für sehr dumm haltet, dann liegt dem Schwarmdummheit zugrunde und nicht irgendwelche Absicht. Sie wissen es nicht besser. So verherrend das auch ist im Moment.

 

Verschwörungstheorien

Es gibt intelligente Verschwörungstheorien und es gibt dumme Verschwörungstheorien.

Wenn Experten auf ihrem Gebiet eine Verschwörung aufzeigen, dann ist es eine intelligente Theorie, die man dringend prüfen sollte.

Wenn Nicht-Experten auf ihrem Gebiet eine Verschwörung aufzeigen, dann ist es eine dumme Theorie, die man dringend wieder vergessen sollte.

 

Umwelt

Die meisten Menschen sind keine Experten für das globale Klima und den Raubbau an der Natur. Das erfordert komplexes Denken. Die Experten dafür sind recht rar auf der Welt. Dementsprechend machen die meisten Menschen einfach als Folge der Schwarmdummheit weiter wie bisher und sägen an unserem eigenen Ast. Nur Experten auf diesem Gebiet können Lösungen präsentieren die das stoppen können. Aber die kommen in den dummen Massenmedien nicht vor durch deren Schwarmdummheit. (Siehe oben)

 

Wirtschaftswachstum

Unsere Wirtschaft muß immer weiter wachsen. Das ist nötig, da sonst der Kapitalismus nicht mehr funktioniert in Bezug auf die Arbeitswelt. (Aber das ist zu komplex um es hier zu beschreiben). Und wir treiben die Produktion nach oben, denken uns die blödesten Finanzprodukte aus und erwarten ein endloses Wachstum durch ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Uff. Das ist Schwarmdummheit. Keiner der Nicht-Experten fragt, ob ein Wachstum eigentlich unendlich sein kann. Und warum man überhaupt immer Wachstum braucht. Aber alle machen mit. (Ausser die Aussteiger, aber das ist ein anderes Thema)

Die Experten dagegen wissen, dass es kein ewiges Wachstum geben kann, aber sie entscheiden nicht. Auch wissen sie, dass es die Welt in Zukunft zu einem noch ungemütlicheren Ort macht.

 

 

Fazit:

Kein Mensch kann Experte für alle Themen sein. Das geht aus biologischen Gründen nicht. Es gibt Universalgelehrte die ein ziemlich breites Spektrum an Expertenwissen haben. Danach kommen dann die Experten, die auf ihren Gebieten wirklich Ahnung haben. Und dann kommen die restlichen 90% der Weltbevölkerung die Experten in ihren direkten Erfahrungen sind. Z.B. sind sie alle Experten im „gehen“, „hören“, „sehen“, „tasten“ und vielem mehr. Also alles was jahrelang mit dem eigenen Körper trainiert wird. Alles was darüber hinausgeht, ist für 90% der Weltbevölkerung nicht erreichbar. Obwohl es erreichbar sein könnte, durch die richtige Art der Bildung. Aber auch das ist wieder ein anderes Thema.

 

Schwarmdummheit und Schwarmintelligenz ist ein entscheidender Faktor für jede Gesellschaft. Die Grundlage für intelligente Schwarmentscheidungen ist das Expertentum. Dementsprechend sollten auch nur Experten die Entscheidungen treffen dürfen.

In den letzen 1000en von Jahren war das so gut wie nie der Fall. Das einzige was sich kurzzeitig durchgesetzt hatte, war ein „Rat von weisen Menschen“ der Entscheidungen getroffen hat. Aber der wurde von den 90% wieder abgelöst.

 

Als Abschluss muß natürlich noch erwähnt werden, dass das, was sich heutzutage so alles als Experte bezeichnet, nur Pseudoexperten sind, die glauben, dass sie Experten sind.

 

Und noch als goldene Faustregel:

Solange die Experten meckern, befinden wir uns in einem Zustand der Schwarmdummheit!

 

Das wars…


One comment on “Schwarmintelligenz und Schwarmdummheit

  1. Hermann sagt:

    Experten?

    Das Wort wird ein bißchen inflationär gebraucht, und Experten können auch unter Betriebsblindheit leiden. Jemand, der einen Nobelpreis erhält kann man doch wohl zweifelsfrei als Experten bezeichnen, oder?
    Der einzige Nobelpreis, der nicht von Alfred Nobel gestiftet wurde ist der für Wirtschaftswissenschaften. Und in diesem Gebiet gibts den Preis für sich einander widersprechende Theorien…
    Nobel wußte schon, warum er keinen Preis für Wirtschafts“wissenschaften“ vergab.

    „Experten“ sind öfters gekauft, wozu braucht man eine Unternehmensberatung, um sich Entlassungen, äh Umstrukturierungen vorschlagen zu lassen?
    Einfach um als Vorstand die Verantwortung abzuschieben auf die „objektiven“ Experten von außerhalb.
    Politik holt sich die „Experten“, die Industrie stellt sie sogar gratis als Mitarbeiter in Ministerien zur Verfügung, um ihre Interessen in Gesetzestexte und Richtlinien einfließen zu lassen.

    Wichtiger als „Experten“ sind kritische Denker. Natürlich erfordert das auch eine solide naturwissenschaftliche Ausbildung.
    Natürlich gibts auch kritische Geisteswissenschaftler, aber von wem werden die bezahlt?
    Als Theologe oder Jurist kannst du dir die Welt so definieren wie es dir gefällt. Das wird dann auch noch unterstützt von der neuronalen Plastizität, wenn du eine Lüge oft genug erzählst glaubst du sie selbst.
    Ich habe mich im Studium schon über schlampig gestellte Klausurfragen geärgert, die aber lieber sicherheitshalber so beantwortet wie es erwartet wurde, als exakt. Schließlich akzeptierten die Assistenten im Meßtechnischen Praktikum ja auch nicht echte Meßwerte, sondern nur die seit 20 Jahren von Generation zu Generation überlieferten.
    Als Entwickler von Hard- und Software muß ich selbstkritisch sein, sonst könnte ich meine Fehler nicht finden…

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